Das LAM-Projekt (Library, Archive, Museum) der Universität- und Stadtbibliothek Köln

Der Wandel in den Geisteswissenschaften hin zu den digital humanities und die Verpflichtung zum Erhalt des kulturellen Erbes erfordern von Dienstleistern wie der USB, die Transformation physisch vorhandener Bestände in digitale Informationssysteme vorzunehmen.

Das Kölner Sammlungsgefüge

Bibliotheken, Archive und Museen gehören für Wissenschaftler:innen und die interessierte Öffentlichkeit seit jeher zu den Orten, an denen Bestände für (Forschungs-) Fragen bereitgestellt werden. Insbesondere in Köln bedingt die historisch gewachsene Infrastruktur jedoch, dass Sammlungen und Artefakte eines Themenkreises und/oder einer Provenienz oftmals auf verschiedene Kultureinrichtungen der Stadt, der Universität (UzK) und anderer Einrichtungen verteilt sind. Jedes Haus hütet seine Objekte und verzeichnet sie auf spezifische Art und Weise. Die 2018 im Wallraf-Richartz-Museum / Foundation Corboud (WRM) gezeigte Ausstellung „Wallrafs Erbe. Ein Bürger rettet Köln“ machte die Zersplitterung einer solchen Sammlung augenscheinlich: Die Gemälde und die graphische Sammlung von Ferdinand Franz Wallraf bilden das Fundament des WRM, Wallrafs Schriften und Bücher befinden sich in der Universität- und Stadtbibliothek (USB), seine Sammlung mittelalterlicher Handschriften und sein Nachlass werden im dem Historischen Archiv der Stadt verwahrt, mittelalterliche Kunst ist im Schnütgen-Museum, die Antiken im Römisch-Germanischen Museum und vieles andere im Stadtmuseum und im Museum für Angewandte Kunst (MAK) zu sehen. Wallrafs Mineraliensammlung befindet sich heute im Geologischen Institut der Universität.

Für die Einrichtungen wie für die Wissenschaftler:innen und Besucher:innen der besitzenden Institutionen stellt diese verteilte Aufbewahrung eine Einbuße hinsichtlich der Sammlungszusammenhänge und des thematischen Kontexts sowie einen erheblichen damit einhergehenden Erkenntnisverlust dar. Selbst Forscher:innen, die viel Zeit und Arbeit investieren, kostet es großen Aufwand, um sich ein einigermaßen angemessenes Bild von dem Gesamtzusammenhang einer Sammlung und ihrer Bezüge zu verschaffen. Denn es bedeutet, dass Forscher:innen, um die Materialien (i.d.R. die Originale!) einsehen zu können, oftmals nur vor Ort danach recherchieren können, auf die Bereitstellung warten müssen und sich dabei nach den Öffnungszeiten der Häuser zu richten haben. Überdies können viele Objekte aus konservatorischen Gründen nicht im Original zur Verfügung gestellt werden.

Diese Schwierigkeiten werden durch die Digitalisierung in weiten Teilen gelöst: Insgesamt ist die digitale Zusammenführung von Informationen wie Abbildungen, Katalog- und Datenbank-Einträgen, Audio- und Videodateien, Literaturhinweisen, Wikipedia-Artikeln, Geodaten und die Einbindung themenbezogener Links u.v.a.m. lediglich vom Willen zur Umsetzung und den finanziellen Möglichkeiten abhängig.

 

Sammlungen des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds

Was für Ferdinand Franz Wallrafs Erbe gilt, trifft auch auf die Sammlungen des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds zu, denn nahezu jedes der o.g. Häuser bewahrt als Dauerleihgaben wertvolle Kulturobjekte dieser Provenienz auf. Als Beispiel seien auch hier die reichhaltige Sammlung im WRM und die rund 40.000 Bände umfassende sog. Gymnasialbibliothek in der USB Köln genannt.

Das Projekt „LAM“ (Library, Archive, Museum) der USB Köln hat zum Ziel, eine nachhaltige Infrastruktur für die Transformation von physisch vorhandenen Kulturobjekten / Kultursammlungen in ein digitales (Forschungs-) Informationssystem zu realisieren. Ziel ist, zerstreute Sammlungen als Teil der kulturellen Überlieferung digital zu erschließen, mit Informationen anzureichern, sie miteinander zu verlinken (linked open data) und sie virtuell zusammenzuführen (IIIF). Wissenschaftler:innen und Interessierte werden damit in die Lage versetzt, vielfältige Informationen über einen Sammlungszusammenhang wie die Sammlung Wallraf oder die Bestände des Gymnasial- und Stiftungsfonds, der über mehrere Institutionen verteilt ist, über ein Sammlungsportal (Kulturportal) komfortabel und ortsunabhängig auf ihren jeweiligen Endgeräten abrufen zu können. Dadurch entsteht ein digitaler Zugriff auf verteilte Sammlungszusammenhänge über die miteinander verlinkten Daten und Objekte und es werden Analyse- und Vergleichsmöglichkeiten ermöglicht, die analog nicht zu erreichen sind.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist die standardisierte Erschließung (Metadaten), Formatierung und Datenaustausch, d.i. die Generierung maschinenlesbarer Daten sowie eine persistente Verlinkung dieser Daten notwendig. Die Umsetzung soll/kann schrittweise in einzelnen Projektphasen erfolgen. Als Pilotprojekt für eine solche sinnvolle und nachhaltige Erfassung, Digitalisierung und Bereitstellung von Sammlungszusammenhängen, die über mehrere Häuser verteilt sind, wird mit einzelnen Segmenten aus den Sammlungen des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds begonnen. Dieses Projekt soll den Grundstein zu einem stetig erweiterbaren Kulturportal legen.

 

Das Fundament: Gemeinsame Nutzung von normierten, frei verfügbaren Daten

Die Erschließung von unterschiedlichen Objekten, seien es Artefakte, Bücher oder Akten, folgt naturgemäß den jeweiligen fachspezifischen Anforderungen. Doch auf der Ebene der Metadaten werden immer gleichartige Aussagen getroffen: So verzeichnet (nicht nur in Köln) eine Archivakte über den Architekten Jakob Ignaz Hittorff dessen Namen im Findbuch, seine Zeichnungen sind in den Museen (weltweit) unter seinem Namen gelistet und seine Schriften werden in Bibliotheken ebenfalls unter seinem Namen katalogisiert. Eine Datenzusammenführung auf der Ebene solch gemeinsamer Metadaten ist somit möglich.

In Deutschland obliegt die standarisierte Vergabe dieser sog. Ansetzungsformen von Personen- und Körperschaftsnamen sowie von Sachbegriffen und Geografika den Bibliotheken. Sie erfassen die o.g. Daten in der Gemeinsamen Normdatei (GND) der Deutschen Nationalbibliothek.

Dort erhält jeder dieser individualisierten Einträge eine einmalige und eindeutige Identifikationsnummer, welche Teil eines Permalinks (URN) ist.

GND-URN der Deutschen Nationalbibliothek Ansetzungsform:

GND-Satz URN

Person: "Hittorff, Jacques Ignace"


Körperschaft: "Kölner Gymnasial- und Stifungsfonds"

 


Sachbegriff: "Kulturstiftung"

 

Geografische Bezeichnung: "Köln"

Sämtliche Namensformen, Schriften, Aufbewahrungsorte und Provenienzinformationen zu einer Person oder Körperschaft vervollständigen einen solchen Datensatz. In den Normdatensätzen der GND sind demnach nicht nur die Vorzugsbenennungen normiert, sondern neben abweichenden Benennungen auch Relationen zu anderen Normdatensätzen enthalten. Auf diese Weise ist ein Netz von miteinander in Beziehung stehenden (verlinkten) Datensätzen entstanden, das sich besonders für die Nutzung im Web eignet. Überdies ist gewünscht, in der GND Abbildungen (Digitalisate) zu verlinken, die auf anderen Plattformen gespeichert sind. Die in dieser Form seit 2012 existierende Gemeinsame Normdatei bildet somit das Fundament einer nationalen Erschließung. Die dort erfassten Normdatensätze sind außerdem in ein globales Verzeichnis von Normdaten, das Virtual International Authority File (VIAF) integriert. In VIAF werden die deutschen Normdaten mit denen anderer nationaler Normdateien zusammengeführt. Die jeweilige GND-URNs dieser oberste Ebene der Metadatenhaltung werden auch von nationalen und internationalen Portalen (Bibliotheks- und Verbundkataloge, Wikipedia, Europeana, WorldCat u.a.) referenziert.

Bedeutend ist, dass mittlerweile auch die Provenienzen standardisiert in der GND verzeichnet und digitalisiert werden. So können die USB und andere Häuser nunmehr ihren Besitz, z.B. aus jesuitischer Provenienz, gezielt und effizient nachweisen.

 

Anwendung von Standards in der Digitalisierung

Die Digitalisierung bietet vielfältige Möglichkeiten (2D-Digitalisierung, 3D-Digitalisierung, OCR-D), Kulturobjekte nicht nur bildlich darzustellen, sondern sie durch Verlinkung unmittelbar in einen ursprünglichen Sammlungskontext zu stellen.

Die Volltexterkennung bildet die Voraussetzung für tiefschürfende Recherchen, qualitative und quantitative Analyseverfahren und interdisziplinäre Forschung. Das OCR-Verfahren stellt außerdem die Vorbedingung für die Erstellung von Texteditionen dar.

Herstellung und Formatierung von Scans müssen daher Standards unterliegen, die alle Projektpartner*innen entsprechend umsetzen. Die zu treffenden Vereinbarungen sollten sich an den Empfehlungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG-Praxisregeln) orientieren. Dazu gehören z.B. die Formatvorgaben (TIF und JPG) und die Festlegung der erforderlichen dpi-Anzahl. Für die virtuelle Vernetzungsstruktur von Bildern und mit Normdaten angereicherten Metadaten ist eine verbindliche Vergabe von Standards wie Identifikationsnummern (ID-Struktur festlegen) und Schnittstellen unabdingbar.

Schließlich werden diese Digitalisate einschließlich der Meta- und Strukturdaten durch die Langzeitarchivierung der USB langfristig gesichert.