STATION 3: ZENSOR VERSUS ZIEGENBOCK - EINE LITERARISCHE KASTRATION

Römische Dichtung wurde im 17. Jahrhundert wortwörtlich auf den jesuitischen Schulunterricht zurechtgeschnitten. Martials Texte waren trotz ihrer lyrisch vollendeten Form einfach zu anstößig, daher zensierte sie in diesem Band ein Kölner Bibliothekar nach seinen eigenen Vorstellungen, wie Martial mit Schülern zu lesen sei. Er zerschnitt, überklebte und schwärzte, schrieb aber auch manche Texte kurzerhand um.

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GBII+C251+D: Martials Epigramme, erschienen 1617 in Paris.

KASTRIERTER KLASSIKER

Ein gedrucktes, gebundenes Buch erweckt einen gewissen Eindruck der Permanenz. Zumindest am Text selbst scheint nichts mehr veränderlich zu sein, wenn er einmal gesetzt und gedruckt ist. Wie sehr dieser Eindruck trügen kann, zeigt uns dieses Exemplar der 1617 gedruckten Gesamtausgabe von Martials Epigrammata, an der ein Zensor – vermutlich Jakob Kritzraedt,[1] ab 1646 Bibliothekar des Kölner Jesuitenkollegs – Mitte des 17. Jahrhunderts gründlichst herumgebastelt hat.[2] Einzelne Texte wurden mit Papier überklebt, geschwärzt, weggeschnitten und an den Seitenrändern ausgiebig kommentiert. Stellenweise wurden sogar mehrere Seiten zusammengeklebt.

Ein problematischer Dichter

Was aber war der Anlass für den umfassenden Eingriff in dieses Werk? Der römische Dichter Marcus Valerius Martialis (40–103/104 n. Chr; deutsch: Martial) bildet in seiner Dichtung das römische Leben in all seiner Vielfalt ab. Häufig bedient er sich sexuell expliziter Motive und Themen, die auch nach heutigen Standards nicht unbedingt jugendfrei sind, von der Sexualmoral an einer jesuitischen Bildungsinstitution ganz zu schweigen. Martials Gesamtwerk, seine Epigrammdichtung in 15 Bänden, wurde aber wegen seiner Scharfzüngigkeit, Kunstfertigkeit und Witz sehr geschätzt und daher immer wieder herausgegeben. Die Jesuiten achteten ihn als stilistisches Vorbild, die zahlreichen Obszönitäten stellten jedoch besonders für den Schulunterricht ein Problem dar.[3] Das schwierige Verhältnis zu Martial wird im Werk des bayerischen Ordensmitglieds Matthäus Rader (1561-1634) deutlich, der bereits 1599 eine (vor dem Druck) bereinigte Martial-Ausgabe veröffentlichte.[4] Rader selbst schrieb in einem Brief, seine  Zensurarbeit an Martial sei wie „Edelsteine aus dem Mist zu klauben“[5], interessanterweise versuchte er sich aber nicht an einer Umdichtung, sondern ließ problematische Texte lieber ganz aus. Nach Rader wäre ein solches Unterfangen sinnlos, da man dem dichterischen Genie ohnehin nicht das Wasser reichen könne.[6]

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Die beiden inneren Spalten fand der Zensor so anstößig, dass er sie zuklebte.

Gestrichen, geschnitten, geschwärzt

Andernorts, wo sexuelle Motivik im Kern des Gedichts nur als dichterisches Instrument verwendet wird und auf einzelne, verzichtbare Passagen begrenzt ist, wurden Wörter oder ganze Zeilen meist durch Schwärzung gelöscht. In solchen Epigrammen kommt es auch vor, dass Sexualvokabular durch unspezifische (z.B. alle möglichen Bezeichnungen für Genitalien oder Sexualakte > turpitudo, „Schändlichkeit, Scham“) oder auch spezifische Euphemismen (z.B. mentula „Schwanz“ > pergula „Vorbau“, XI, 20 S. 489) ausgetauscht wurde. Die spezifische Emendation einzelner Wörter wurde auch bei verpönten Konzepten römischer Sexualität angewendet. So etwa bei dem schwer übersetzbaren Begriff cinaedus, der zumeist effeminierte Männer bezeichnet und eine Präferenz für die passive Rolle beim Analverkehr impliziert.[7] Martial VII, 58 handelt von einer Frau namens Galla, die bereits mehrere solcher cinaedi geheiratet hat, aber mit ihren sexuellen Fähigkeiten unzufrieden ist:

Iam sex aut septem nupsisti, Galla, cinaedis,
dum coma te nimium pexaque barba iuvat.
deinde experta latus madidoque simillima loro
inguina nec lassa stare coacta manu
deseris inbelles thalamos mollemque maritum,
rursus et in similes decidis usque toros.
quaere aliquem Curios semper Fabiosque loquentem,
hirsutum et dura rusticitate trucem:
invenies: sed habet tristis quoque turba cinaedos:
difficile est vero nubere, Galla, viro.

Schon sechs oder sieben Schwule hast du geheiratet, Galla,
da dich ihr langes Haar und der sorgsam gekämmte Bart über die Maßen erfreut.
Doch dann, wenn du die Lenden erprobt hast und ihr Geschlecht, das
einem schlappen Lederriemen gleicht
und sich auch nicht mit einer sich abmühenden Hand zum Stehen bringen läßt,
verläßt du das unkriegerische eheliche Lager und den weichlichen Ehemann –
und fällst doch immer wieder auf ähnliche Bettgenossen herein.
Suche einen, der gern von den Curiern und den Fabiern spricht,
der struppig und rauh ist in seiner bäuerlich-plumpen Art:
Sicher findest du ihn; aber auch die düstere Schar hat ihre Schwulen.
Schwer ist es, Galla, einen wirklichen Mann zu heiraten.[8]

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Nur die ersten beiden Zeilen waren für den Zensor akzeptabel – mit einer kleinen Anpassung.

Der Zensor hat nur die ersten beiden Zeilen stehengelassen, der Rest des Epigramms ist mit Papier überklebt. Das Wort cinaedis ersetzt er in der ersten Zeile durch maritis („Ehemänner“) und tilgt jegliche Spuren homoerotischer Praktiken. Bei der Säuberung des als anstößig empfundenen Vokabulars war der Zensor konsequent und hat sowohl die entsprechenden Stellen im begleitenden Kommentar als auch die Stichworte im Index ebenfalls geschwärzt. Im Index sind folgende Wörter samt Ableitungen unkenntlich gemacht: cinaedus („effeminierter Mann; Schwuchtel“), cunnus („Fotze“), felare („Schwanz lutschen“), futuere („ficken“), masturbatus („Onanist“), mentula („Schwanz“), pedicare („anal penetrieren“).

Besonders bemerkenswert sind aber die Versuche des Zensors, Epigramme umzudichten. Das kommt vor allem bei Texten vor, in denen Martial mithilfe sexueller Motivik einen tieferen Sinn vermittelt. Hier bemüht sich der Zensor, denselben Sinn durch andere, bekömmlichere Elemente zu kommunizieren. Die sexuelle Motivik weicht oft einer religiösen, die grundlegende sprachliche Struktur und die Pointe bleiben gleich.

 

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In einem handschriftlichen Vermerk auf dem Titelblatt erklärt der Zensor sein Vorgehen und wendet sich mit einem eigenen Gedicht direkt an den Autor.

Martial, ein Ziegenbock?

Schon Martial selbst bezeichnet Eingriffe in sein Werk als Kastration in Buch I, Epigramm 35: nec castrare velis meos libellos – „wünsche nicht, meine Büchlein zu kastrieren“.[9] Im vorliegenden Exemplar sind die Seiten 77–80, auf denen sich dieses Epigramm befindet, zusammengeklebt, doch unser Zensor nimmt diese Metapher wieder auf. In einem handschriftlichen Vermerk auf dem Titelblatt des Buchs, den er vermutlich am Ende des Bearbeitungsprozesses machte, drückte er sich in Martial angemessener Deutlichkeit so aus:

Im Jahr 1648 bereinigt durch den Bibliothekar des selbigen Kollegs, der Martial viele Epigramme genommen hat, und ihm nun eines zurückgibt, nämlich das: Derjenige, der du dieses verstümmelte Buch aufschlägst, staune: Der Dichter, als er noch lebte, war er ein Ziegenbock, da er tot ist, ist er ein Kastrat. Oder das: Nach dem Tod wurde er geschnitten [kastriert], als er lebte, war er ein Ziegenbock. Welch eine Menge an Fehlern! Er verdiente er es, ein Kastrat zu werden.[10]

Die für die Jesuiten inakzeptablen turpitudines sind bereinigt, der schamlose Ziegenbock Martial wird durch die Hand des Zensors zu einem zahmen, keuschen Kastraten.  Durch die Kastration wird Martial sozusagen gesellschaftsfähig und vor allem schulfähig gemacht. Es handelt sich bei diesem Band möglicherweise um eine Art Lehrexemplar, das dem Lehrer, der Martial unterrichtet, einen Weg durch dieses schwierige Werk vorzeichnet.

 

[1] Zu Jakob Kritzraedt vgl: Janssen, A.M.P.P. (Hg.): J. Kritzraedt: Annales Gangeltenses. Limburgs Geschied- en Oudheidkundig Genootschap, Maastricht / Kreis Heinsberg, Heinsberg / Stichting Jacob Kritzraedt, Sittard, 2005. Digital verfügbar unter https://www.dbnl.org/tekst/krit002anna02_01/colofon.php.

[2] Martialis, Marcus Valerius; Lang, Joseph (Hg.): Epigrammata. Paris: Sonnius, 1617. USB-Exemplar: GBII+C251+D

[3] Sullivan, John Patrick: Martial: The Unexpected Classic. A Literary and Historical Study. Cambridge: Cambridge University Press, 1991. S. 272.

[4] USB-Exemplar: Martialis, Marcus Valerius; Rader, Matthäus (Hg.): Epigrammata. Ingolstadt: Sartori, 1599. GBII+C253+C

[5] Römmelt, Stefan W.: „Als ob ich den ganzen Martial kommentiert hätte“. Matthäus Rader SJ, ein problematischer Schulautor und die jesuitische. Zensurpraxis in Augsburg um 1600. In: Gernot Michael Müller (Hg.): Humanismus und Renaissance in Augsburg. Kulturgeschichte einer Stadt zwischen Spätmittelalter und Dreißigjährigem Krieg. Berlin/New York: De Gruyter, 2010. S. 309–326, S. 325.

[6] Ebd. 318f.

[7] Williams, Craig A.: Roman Homosexuality. With a Foreword by Martha Nussbaum. Oxford [u.a.]: Oxford University Press, 2. Aufl. 2010. S. 197.

[8] Martial, VII, 58. Übersetzung aus: Martial: Epigramme. (Lateinisch-deutsch. 3. vollständig überarbeitete Auflage, übersetzt von Paul Barié & Winfried Schindler). 3. Aufl. Düsseldorf: De Gruyter (Sammlung Tusculum), 3. Aufl. 2013, S. 494ff.

[9] Ebd. S. 56f.

[10] Freundlicher Dank geht an Prof. Dr. Peter Orth (Institut für Altertumskunde, Universität zu Köln) für seine Hinweise zur Übersetzung.

Text zur Station 3:
Charlotte Epple, Wissenschaftliche Hilfskraft im Dezernat „Historische Bestände und Sammlungen, Bestandserhaltung und Digitalisierung“ der USB Köln.