Literatur in der USB: Wetterleuchten von Anne Dorn

Anne Dorn

Am Donnerstag, dem 3. Mai 2012, las Anne Dorn im Rahmen der Reihe Literatur in der USB in der Universitäts- und Stadtbibliothek zu Köln aus ihrem Lyrikband „Wetterleuchten“.

Frau Dr. Andrea Gutenberg, Privatdozentin am Englischen Seminar I an der Universität zu Köln, stellte als Fachbeirätin für Literatur der GEDOK Köln die Autorin vor.

Anne Dorn, die 1925 in Wachau bei Dresden geboren wurde, lebt heute als Schriftstellerin in Köln. Sie arbeitete viele Jahre für das Fernsehen, entwickelte u.a. Autorenfilme und schrieb für den Rundfunk zahlreiche Hörspiele und Features. Im Jahr 1991 erschien mit „Hüben und Drüben“ ihr erster Roman, ein Jahr später „Geschichten aus tausendundzwei Jahren“, gefolgt von dem Schauspiel „Rübergemacht“ (1992) und der Novelle „Damals schien die Sonne“ (1996). Im Dittrich Verlag veröffentlichte sie zuletzt die beiden Roman „Siehdichum“ (2007) und „Spiegelungen“ (2010).

Zum Einsturz des Stadtarchivs, in das auch Frau Dorn große Teile ihres Vorlasses gegeben hatte, schrieb sie einen erschütternden Essay, der die Tragik des Verlustes auf eine Art und Weise reflektiert, dass einem schlagartig bewusst wird, dass hier mehr als Papier verschüttet worden ist. Der treffende Titel „Mein Humus ist weg“ bezeichnet exakt, um was es geht: um den Verlust der Existenz als Schriftstellerin und um den fahrlässigen Umgang seitens der Stadt damit. Dieser Essay fand große Resonanz in den überregionalen Feuilletons.

Anne Dorn hat immer auch Gedichte geschrieben und in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften publiziert. Doch erst jetzt im Alter von sechsundachtzig Jahren veröffentlicht sie ihren ersten Gedichtband. Im Herbst 2011 brachte der in Leipzig ansässige Lyrikverlag „poetenladen“ das Buch als ersten Band seiner Reihe „Neue Lyrik“ mit dem Titel „Wetterleuchten“ heraus.

Nach der Einführung durch Frau Dr. Gutenberg begann Anne Dorn ihre Lesung mit dem ersten Gedicht des Bandes, das den schlichten Titel GEDICHT trägt. Es eröffnet die poetologische Reise durch die lyrische Welt der Anne Dorn und gab das Programm bekannt:

Signierung von Anne Dorn

He, ihr alten und neuen Menschen,
entschuldigt, daß ich anklopfe und vorbeikomme
mit meinen Bauchladen –
jetzt, wenn draußen die Bäume und Sträucher
ihre Knospen entwickeln,
kann ich nicht zuhause bleiben
und weiter brüten. Ich muß Euch zurückgeben,
was Euch gehört, und was ich im Laufe der Zeit
gefunden habe, mit nachhause genommen,
gepflanzt, begossen, vor den Läusen bewahrt
und zur Blüte gebracht:
Eine in Euren Dingen enthaltene Nachricht.
….

Anne Dorn erzählt, dass sie früher dem Gedicht als Möglichkeit des eigenen literarischen Ausdruckes skeptisch bis ablehnend gegenüber stand. Umso überraschender sei es für sie selbst gewesen, dass sie in einem ihrer frühen experimentellen Fernsehfilme ausgerechnet das Gedicht zum Thema machte.

Als sie während eines Stipendiums in Holland nicht wie geplant an ihren Roman weiterschreiben konnte, weil die Schreibmaschine irreparabel kaputt war, schlug der Studienleiter vor, dann solle sie eben Gedichte scheiben. Es sei ihr gut in Erinnerung geblieben, dass sie darauf beinahe beleidigt reagierte.

Doch sie stellte fest, dass das, was sie tagtäglich sammelt, im Alltag, bei banalen Tätigkeiten, beim Betrachten der Mitmenschen, der Umgebung und der Natur, in ihr als Vorrat bewahrt bleibt.

Gedichte hätten so etwas Heimliches, etwas Sehnendes, suchten jemanden, seien eigentlich getarnte Liebesbriefe. Verschlossen zunächst, aber - alles zu seiner Zeit - fänden sie ihren Weg hinaus.

Sie öffne ihre schwarze Kiste, wenn sie Gedichte schreibe und da kämen dann die Inhalte heraus: „Apollon“, „Brautzug“ und „Blutverwandschaft“, „Zugwind“ und „Bouillabaise“, „Französischgrün“, „Zusammennehmen“ und „Fisch, polnisch“. Die Titel der Gedichte lesen sich wie das Inventarverzeichnis eines langen Menschenlebens: „Hoch oben“, „König Schmerz“, „Waldvöglein“, „Plötzlich Abendzug“, „Rauhnächte“, „An einem Tag, spät im Leben“, „Vergessene wispernde Halde“, …

Durch die Gedichte zieht sich ein sich selbst Fremdsein, ein sich unbegreiflich sein. In dem Gedicht „Nächtliches Tasten“ entzieht sich das Subjekt sogar dem erkannt und verstanden werden durch Erschießung des Gegenübers. Unrast und unstillbarer Hunger kommen zum Vorschein, Angst und Furcht vor der Last der Vergangenheit, vor den Fehlern, die gemacht wurden, den Konsequenzen daraus, der Einsamkeit.

Anne Dorn verschweigt nichts: keinen Schmerz, keine Enttäuschung, keine Furcht, nicht bange Erwartung und Hoffen. Ihre Gedichte sind miniaturhafte Erzählungen, in denen sie eine Stimmung hinmalt, die eine große Spannung erzeugen. Diese verdichtete Atmosphäre entlädt sich häufig in ein „dennoch“, wie wir es auch von Hilde Domin kennen.

Es ist keine Resignation, auch keine Rebellion, die da ihren Ausdruck finden. Vielmehr ist es die Einsicht, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit uns und unserem Leben eine Einheit bilden. Wir sind darin verwoben mit unserem Erinnern, unserem Tun und unseren Wünschen. Das lyrische Ich sucht Halt und findet Halt – nicht in der großen Geste, sondern im „sich bescheiden“, im Akzeptieren der Schwäche und flüchtigen Begrenztheit unseres Seins. So lautet der Schlussvers des Gedichtes „Namen haben“:

Haltet euch an
die sommerlich still
vorübergleitende Krähe.

Anne Dorn beglückte die Zuhörer/innen sehr mit dem Sammelgut aus ihrem Bauchladen. Sie bezeichnet ihren poetischen Prozess als ein Ordnen des Gesammelten. Sie könne sich nicht hinsetzen und sich vornehmen, jetzt schreibe ich ein Gedicht. Das würde so nicht funktionieren. Es käme einfach, irgendwann sei die Zeit reif – ihre Aufgabe sei es „bereit dafür zu sein“.

Im anschließenden Gespräch mit den Gästen ging sie auf die enorme Bedeutung von Liedern und Gesang für ihre Dichtung ein. Ohne den Schatz an Liedern und Gesungenem in ihrem Leben sei ihre Dichtung überhaupt nicht denkbar.
Dankbar sei sie, dass ihre Lyrik nicht als Naturlyrik bezeichnet werde, obwohl sie durchtränkt ist mit Tieren, Pflanzen und allem, was Natur und Landschaft ausmacht. Zweifelsohne beziehen die Gedichte einen hohen Reiz aus der Verflechtung des lyrischen Subjekts mit Pflanzen, Vögeln, Gesteinen, Wettern, Gewässern, Tages- und Jahreszeiten. Aber es ginge nicht primär um die Natur, sondern um die Reflexion der eigenen Realität, eingebettet in die natürlichen Begebenheiten, Familie und die Gesellschaft.

Bilder der Lesung

Abendzug

Birken in Nebelschwaden
entschwinden, ehe ich grüße.
Das Reh, von dem ich erwarte,
daß es im letzten Licht
still aus dem Wald tritt,
steht unvermittelt
schon auf der Wiese.
Schafe, dicht aneinandergedrängt
als heller, vorüberfliegender Teppich,
besänftigen mein Bedürfnis
nach Wärme. Am Haltepunkt
dieser Mann, der wie ein Blinder
den Handlauf der Treppe betastet
während er, so wie ich,
der ins Licht gestürzten
und wieder entwischten
Fledermaus nachschaut.

Ziehen, Rucken und weiter
hinein ins kompakte Dunkel.
Träume versagen.
Das Pochen der Räder
codiert das Gespräch
Zwischen der Weite
und mir.

Die Veranstaltung führte die Universitäts- und Stadtbibliothek zusammen mit der Kölnischen Bibliotheksgesellschaft und der GEDOK Köln durch.

Anne Dorn ist Mitglied der GEDOK Köln.

Alle Bücher von Anne Dorn befinden sich in der Sammlung Moderne Deutschsprachige Literatur der Stadt- und Universitätsbibliothek Köln und können in den Lesesaal Historische Sammlungen ausgeliehen werden.

Bucheinband: Wetterleuchten - Gedichte von Anne Dorn



Anne Dorn:
Wetterleuchten. Gedichte.
1. Auflage.
Leipzig: poetenladen, 2011.
ISBN: 978-3-940691-30-9
Reihe Neue Lyrik – Band 1






Eine Auswahl von Rezensionen zu Anne Dorns „Wetterleuchten“:

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