Reklamemarken
Kleine Marken – große Namen: Plakatkunst en miniature

Plakat zur Ausstellung

Reklamemarken sind ein inzwischen nahezu völlig vergessenes Kapital der Alltagskultur. In der Zeit vor Beginn des Ersten Weltkrieges gehörten sie zu den herausragenden Erkennungszeichen dieser Jahre und ihre millionenfache Präsenz erreichte „epidemische Ausmaße“. Das Deutsche Buchgewerbe-Museum/Leipzig, das eine eigene Sammlung angelegt hatte und 1914 in einem eigens errichteten Pavillon ausstellte, beschrieb die Szene als ein kulturelles Massenphänomen, wie es bis dahin „wohl auf keinem anderen Gebiete menschlichen Sammelns“ zu beobach¬ten gewesen war.
Die Geschichte der Reklamemarken beginnt mit den Wachssiegeln aus der Zeit des Altertums. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts sind Lacksiegel bekannt. Im Übergang zu den Stempelpapieren und Papier-Prägesiegeln waren neben Lacksiegeln papier¬bedeckte Siegeloblaten üblich. Seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts sind in der Verwaltung Siegelmarken aus Papier als Siegel-Imitationen, Pfandmarken, Notariats-Urkundenmarken, Gebührennachweise usw. gebräuchlich. Briefmarken kamen Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Sowohl die hoheitlich/amtlichen Siegel- als auch die Briefmarken waren für Philatelisten von Beginn an begehrte Sammel¬objekte. Handel und Gewerbe nutzten diese Begehrlichkeit für ihre kommerziellen „Propaganda“zwecke. Der Charakter der offiziellen Marken wurde auf Firmen- und Warenzeichen nachgeahmt. Als Couvert-Verschlussmarken gerieten sie in den amtlichen Postverkehr und erlangten so ebenfalls die Aufmerksamkeit der Sammler. Die ersten bildlichen Darstellungen auf Kuvertverschluss-Marken sind seit Ende der 1870er Jahre bekannt. Sie waren für behördlich/körperschaftlich ausgerichtete Veranstaltungen, Jubiläen, Messen und Gewerbeschauen bestimmt – u.a. für die Internationale Ausstellung für die gesamte Papierindustrie, Leipzig 1878.
Unter den Bezeichnungen Ausstellungs-, Gelegenheits-, Anlass-, Erinnerungs- bzw. Fest-Marken gilt dieser Typus als unmittelbarer Vorgänger der Reklame¬marken. Brief-, Siegel- und Gelegenheitsmarken konnten nach dem Einsatz der Flächenprägedruck-Presse ab den späten 1860er Jahren als Weiterentwicklung des Steindruck-Verfahrens nach Alois Senefelder (1771-1834) auch massenhaft reprodu¬ziert werden. 1898 wurde das erste „Sammelbuch für Ausstellungsmarken“ heraus¬gegeben. Noch im selben Jahr erschien die erste Fachzeitschrift und ebenfalls im Jahr 1898 wurde der erste Katalog veröffentlicht. Es folgte die Gründung von Sammler-Vereinen, die nach strengen Regeln u.a. die „Sammelberechtigung“ von Gelegen¬heits-, Ausstellungs- und Reklamemarken festlegten.
Für die Gestaltung von Propaganda/Reklame auf Plakaten, Marken, Verpackun¬gen usw. gab es im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert keine eigens ausgebildeten Gebrauchsgrafiker. Die Gestalter waren in der ganz überwiegenden Mehrzahl Absolventen einer Kunstakademie. Im „Zeitalter der bewussten Kultur¬arbeit“ (Adolf Behne, 1914) wollten sie Kunst und Leben, aber auch Kunst und Kommerz miteinander verbinden. Diese Künstler waren vom pädagogischen Impetus der allgemeinen Volksbildung und des erzieherischen Einwirkens auf die Massenästhetik durchdrungen. Unmittelbare Vorbilder der Entwerfer von Reklamemarken als „Plakatkunst en miniature“ waren vor allem Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901) sowie Jules Chéret (1836-1932) – beide als Gestalter von Plakaten im Großformat. In Deutschland und Österreich wurden die Ideen der „bewussten Kulturarbeit“ insbesondere über die Zeitschriften „Pan“, „Der Sturm“ (beide Berlin), „Jugend“, „Simplicissimus“ (beide München), „Die Insel“ (Leipzig) oder „Ver sacrum“ (Wien – „Sezession“) vertreten.
In enger Verbindung mit diesen Zeitschriften standen Künstler wie Ernst Deutsch, Thomas Theodor Heine, Ernst Heilemann, Julius Klinger, Koloman Moser oder Alfons Maria Mucha. In den Metropolen dieser Bewegung wirkten Peter Behrens, Lucian Bernhardt, Fritz Ehmcke, Julius Gipkens, Louis Oppenheim (alle Berlin – bzw. München) oder R. Hoelscher, Ludwig Hohlwein, Otto Hupp, Carl Kunst, Franz von Stuck oder Siegmund von Suchodolski (alle München bzw. Wien, Berlin).
Bis zum Beginn der 1930er Jahre sind in den Reklamemarken alle bedeutenden Kunstepochen der vorangegangenen vierzig Jahre vertreten: Gründerzeit, Jugendstil, Neue Sachlichkeit oder Expressionismus, Kubismus usw. Über die Marken werden nahezu alle Lebensbereiche erfasst - von Anlässen und Ausstellungen aller Art über Firmen, Produkte, Institutionen und Markenwerbung bis Sport, Touristik oder Politik. Eine Themenbeschränkung gab es nicht, lediglich eine künstlerisch-psychologische Beschränkung – insbesondere durch Ludwig Hohlwein – auf das Suggestive und Wesentliche des „Blickfangs“.
Die Ausstellung der Sammlung „Plakatkunst en miniature“/Charlotte Maier/Bestand Heinz Schmidt-Bachem zeigt ausschließlich Original-Reklame¬marken. Neben den bereits erwähnten Künstlern sind u.a. vertreten: Julius Diez, Hugo Max Eichler und Bernhard Hoeger (Jugendstil), Johannes Mohlzahn (Expressio¬nismus), Walter Riemer, Hans Herkendell, Johann Baptist Maier/Hans Ibe, Lucian Zabel (Neue Sachlichkeit), Ernst Keller, Willy Petzold (Typografie).
Eingeleitet und begleitet wird die Ausstellung von Materialien zur Geschichte und zum Umfeld der Reklamenmarken, die als Kleingrafik Teil des Akzidenz-/Merkantildrucks der grafischen Industrie sind.
(Dr. Heinz Schmidt-Bachem)

Die Ausstellung ist vom 11. Juli - 26. September 2007 im Foyer der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln zu sehen, montags bis freitags von 9.00 – 23.00 Uhr, samstags von 9.00 – 16.00 Uhr.

Brauchen Sie Hilfe?
Albot, der Informationsassistent






UCCard = Bibliotheksausweis
Weihnachten/Neujahr
Öffnungszeiten der USB sowie der HWA
›› weitere Informationen
Information & Beratung
E-Mail-Umschlag
Schreiben Sie uns eine E-Mail.
Wir helfen Ihnen schnell und kompetent weiter!
Bleiben Sie mit uns in Verbindung:
Facebook, Feeds und Co.

Facebook  Twitter  YouTube  RSS  mobile Recherche