Wert und Wertschätzung der Bücher

Wert und Wertschätzung der Bücher
Historische, bibliophile und wissenschaftliche Relevanz

Wegen der Vielzahl der geschädigten Bücher des Bestandes, gilt es nach Maßgabe mehrerer Faktoren zu ermitteln, ob und warum ein Band nicht nur offensichtlich restaurierungsbedürftig, sondern nachweisbar und vielleicht vordringlich restaurierungswürdig ist.

Abgesehen von ihren Texten liefern Bücher als Zeitzeugen in ihrer Gesamtheit und im Kontext ihrer Sammlungen, aus denen sie überliefert sind, wichtige Beiträge zu allen Bereichen der Geschichte, bilden einen Bestandteil des regionalen kulturellen Erbes und spiegeln das spirituelle Gedankengut monastischer Gemeinschaften. Ähnlich den Handschriften erweisen sich die meisten der alten Drucke als „einmalig“. Ihre Besitzeinträge, Autographen, Marginalien, Supralibros, Exlibris, Stempel, Wasserzeichen, die Zensurvermerke und etliches mehr verleihen ihnen den Charakter eines Unikats. Ein beredtes kulturgeschichtliches Zeugnis der Handwerkskunst geben die oft schon früh entstandenen Einbände. Ihre Gestaltung und Technik, die Vorsatzpapiere und die Makulatur lassen Rückschlüsse auf die Provenienzen des Buches zu.

Entscheidend für eine fachgerechte Instandsetzung ist die historische Relevanz des Bandes in seiner Gesamtheit, deshalb sind Restaurierungen auch dann zu rechtfertigen, wenn sie den aktuellen antiquarischen Geldeswert des Objekts möglicherweise überschreiten. Erfahrungsgemäß können Digitalisate oder Ersatzexemplare den musealen Wert eines alten Buches mit seinen individuellen Informationsquellen und im Kontext seiner Sammlung nicht ersetzen. Es ist unentbehrlich und nicht austauschbar.

Bei der Beurteilung der Bedeutsamkeit eines Bandes für die Bibliothek ist der antiquarische Preis eines vergleichbaren Titels nur ein Faktor. Abhängig von bibliophilen Modeerscheinungen und der Aktualität des Textes kann er schwanken. Gelegentlich sind selbst seltene Werke im Handel wohlfeil zu erstehen, wenn sie denn über geraume Zeit keine Liebhaber fanden. Während aber ein veraltetes Lehrbuch im Bereich der aktuellen wissenschaftlichen Forschung verzichtbar war und im Ramsch oder, schlimmer noch, im Abfall endete, wird es möglicherweise nach vielen Jahren von den Historikern als Quelle entdeckt und zur wichtigen und wertvollen Informationsquelle. Gerade die seinerzeit als wertlos erachtete und zum Verbrauch bestimmte Literatur, wie z. B. Flugschriften, Gesang- und Kochbücher, erzielt heute ihrer Seltenheit wegen auf Auktionen beeindruckend hohe Preise.
Diesen Erkenntnissen zufolge gelten für archivierende Bibliotheken andere Regeln der Bestandserhaltung als für private Sammler. Im antiquarischen Vertrieb verliert ein Buch bereits wegen bestoßener Ecken an Geldeswert – ein Schaden, der in einer stark beanspruchten Bibliothek Norm ist und keineswegs die Bedeutsamkeit mindert. Doch wenn auch der nachweisbar vorhandene bibliophile Wert eines für die historische Wissenschaft relevanten Buches nicht allein ausschlaggebend für eine Restaurierung ist, darf dieser doch bei einer Instandsetzung nicht geschmälert werden und muss in der Wahl der Restaurierungsmaßnahmen Berücksichtigung finden.

Wie die Benutzerzahlen im Lesesaal für Historische Sammlungen zeigen, erfreuen sich die alten Drucke der USB reger Nachfrage. Die Benutzungsfrequenz hängt von den unterschiedlichen Forschungsprojekten ab - eine Prognose, welche Bände zukünftig bevorzugt angefordert werden, ist deshalb also kaum zu stellen. Dennoch richtet sich das Augenmerk der Bibliothek vor allem auch auf die wiederholt bestellte, vornehmlich gefragte Literatur, die, stark frequentiert, in ihrem Fortbestand bereits sehr gefährdet oder deren Benutzung aus konservatorischen Gründen schon unmöglich ist. Besonders diese Bücher stuft die USB als restaurierungswürdig ein. Sie sollen der der Wissenschaft im Original weiterhin zur Verfügung stehen und den nächsten Generationen fachgerecht und reversibel instandgesetzt erhalten bleiben.
Regine Boeff, 11. März 2006

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Letzte Änderung: 29.11.2006
Webredaktion