1603: Ortelius, Abraham

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Einband Ortelius


Abraham Ortelius
Theatrum orbis terrarum. Editio Vltima


Antwerpen, Jean-Baptist Vrints, 1603

Enthält: Abraham Ortelius
Nomenclator Ptolemaicus
Antwerpen, Bruneau, 1603
Signatur: GBXI/42+D

Eck- und Zentralplattenband. Köln, Werkstatt mit dem Federnelkenstempel, um 1605
Aus dem Kölner Kartäuserkloster St. Barbara.
Eintr. Pertinet ad Carthusianos In Colonia.
Geschenk an die Kartäuser von Johannes Halffius.
Eintr.: Liber Ioannis Halffij Canonici St. Severini emptus 12. Dec. Cuius simpl. Anno 1619 cuius liberali dono accessit bibliothecae anno 1642. Oreto pro eio.
Aus der Gymnasial- und Stadtbibliothek.
452 x 300 mm


Braunes Kalbleder über Pappdeckel, vergoldet, auf 5 Doppelbünde geheftet. Ehemals 2 Bandschließen. Reste von Rückentitelschild. Auf vorderem Spiegel Pergamentfragment mit der handschr. Hausmarke des Peter Rinck. Schnitt: rot/weiß gestreift. Fehlstellen im Leder. Vorderdeckel lose. Wasserschaden, Pilzbefall.

Notwendige Restaurierung: Trockenreinigung. Papierrestaurierung der Vorsatzpapiere. Verlängerung der Bünde. Schutzvorsatzpapiere. Restaurieren der Pappdeckel. Entfetten des Leders. Unterlegen der Fehlstellen im Leder. Einledern des Rückens unter Verwendung der Originalsubstanz.

Einband und Titel Ortelius

Streicheisenlinien (schmal/breit/schmal) und eine Ornamentrolle fassen die Deckel ein und umgeben die als Quincunx angeordneten Platten. Eine Baluster-Rolle verbindet die Außenseiten der ungleichschenkligen und mit Bogenlinien ausgeführten Eckplatten, die maureskes Bandwerk auf schraffiertem Grund enthalten (Schunke, Pl. XV). Die mittleren Spitzen der Bogenlinien dienen als Eckpunkte einer Kettenrolle, die den Innenrahmen der Buchdeckel bildet. In seinen Ecken sitzen kleine, stilisierte Blütenstempel. Das Zentrum der Deckel bestimmt eine stilistisch auf die Eckplatten abgestimmte, spitzovale Kartusche. Sie präsentiert recto im Bandwerk zwei Drolerien und im Mittelpunkt den Buchtitel in einem Medaillon. Verso entspricht die Platte der des Vorderdeckels, das Medaillon zeigt hier die Allegorie der Gerechtigkeit, Justitia, mit ihren Attributen, der Waage und dem Schwert. Die Umschrift lautet: Quod tibi non vis fieri alio ne feceris, in freier Übersetzung: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu.

Der ältere Federnelkenmeister führte seine Werkstatt von etwa 1583–1619. Zum Schmuck der Einbände wählte er auffallend große, vorherrschende Eck- und Mittelplatten mit figurenreichen Kartuschen, die allmählich die Rollenstempel verdrängten. Das Kompositionsschema des Buchbinders galt seinerzeit in Köln als richtungsweisend und bot hier die erste Grundlage für die Entwicklung des Verlagseinbands. Der Meister schuf eine Vielzahl von Prachtbänden für den Kölner Rat, das Jesuitenkolleg und den „Orbis-Terrarum-Verlag“, bei dem wohl als Ergänzung des „Theatrum“ die bekannte, von Franz Hogenberg gefertigte und von Georg Braun (1541–1622) verlegte Sammlung von Stadtansichten „Civitates Orbis Terrarum“ erschien.

Peter Rinck (ca. 1429–1501), namhaft als Gelehrter, Bibliophiler und Mäzen, studierte u. a. in Paris und Pavia die Rechte. An der Kölner Universität wirkte er über vier Jahrzehnte als akademischer Lehrer. 1484/85 wurde er dreimal hintereinander zum Rektor gewählt. Um 1459 fand Rinck als Novize im Kölner Kartäuserkloster Aufnahme, das er aus gesundheitlichen Gründen bald »pedibus non animo« wieder verlassen musste. Er blieb dieser Gemeinschaft zeitlebens – auch testamentarisch – besonders zugetan und förderte sie weiterhin finanziell. Nachweislich überließ er den Mönchen einige Bücher aus seiner umfassenden Bibliothek, großzügig verteilte er die Werke aber auch an weitere Klöster oder verkaufte sie »zur Ehre Gottes«. Die handschriftliche Hausmarke des Peter Rinck findet sich auch als Teil des Spiegels der vorliegenden Ausgabe von Abraham Ortelius von 1603 (GBXI/42+G); ihr Besitzer Johannes Halffius, Kanonikus in St. Severin vermachte das Buch wohl testamentarisch Buch den Kartäusern, die es 1642 erhielten. Die Kirche St. Severin und die Kartause liegen in unmittelbarer Nähe. In der Kartause hat man den Einband wohl mit einem Pergamentrest, auf dem sich Rinck mit seiner Hausmarke als Besitzer eines früheren Bandes ausgewiesen hatte, repariert. Dass die Kartäuser die Hausmarke des Peter Rinck über 100 Jahre nach seinem Tod wie einen Provenienzeneintrag anbrachten, darf man wohl als Zeichen anhaltender Verbundenheit interpretieren.

Der berühmte niederländische Gelehrte Abraham Ortelius (auch Ortels, Oertel Orthellius, 1527–1598) wurde nach dem Studium der klassischen Sprachen und der Mathematik Buchhändler, bildete sich aber zum Kartographen weiter. Aus Interesse an der Geographie des Römischen Reichs bereiste er große Teile Europas, schließlich stellte er ein Werk auf der Grundlage bereits vorhandener Karten zusammen. Im Jahre 1570 erschien seine erste Ausgabe des „Theatrum Orbis Terrarum“, eine in dieser Form bis dahin unbekannte Veröffentlichung von Karten gleichen Formats, die zum Buch zusammengebunden waren. Vermutlich schuf er damit den ersten Atlas, den er mehrfach erweiterte und neu edierte. Erst 20 Jahre später sollte Gerhard Mercator (1512–1594) diese Idee aufgreifen. Ortelius kopierte die Landkarten nicht nur, sondern er gab auch die Referenzen der Landkarten an und verzeichnete die Namen der verantwortlichen Kartographen in einem „Catalogvs Avctorvm“. Darunter finden sich auch die Grafiker Franz Hogenberg (1535–1595), der in Köln wirkte und Gerhard Mercator, der sich seit 1552 in Duisburg aufhielt. Das Werk avancierte zum Bestseller, zwischen 1570 und 1612 verkauften sich 42 Ausgaben in sieben Sprachen. Den Gelehrten, der das gesamte kartographische Wissen seiner Zeit zu bündeln verstand, würdigte man mit dem Beinamen „Ptolemäus des 16. Jahrhunderts“.
Für die Herausgabe der vorliegenden, 1603 erschienenen Auflage sorgte der Kupferstecher, Verleger und Kartendrucker Jean-Baptist Vrints (auch de Vrient I., Meister 1575, +1610, laut Rooses 1612) in Antwerpen, für den die Erben Plantins in der berühmten Officina Plantiniana druckten.
Regine Boeff

Bibliographischer Nachweis: Koeman Ort.36

Literatur
FRANZ BUCHHOLZ, Die Bibliothek der ehemaligen Kölner Kartause. Köln 1957, S. 160.
LISETTE DANCKAERT, Coup d’oeil sur les cartes d’Ortelius. In: Abraham Ortelius. Musée Plantin-Moretus. Bibliothèque royale de Belgique. Turnhout 1998.
REINHARD FELDMANN; GUNTER QUARG, Gymnasialbibliothek und Vorgängereinrichtungen. In: Handbuch der historischen Buchbestände. Bd. 4, Hildesheim u. a. 1993, S. 42–45.
HANDSCHRIFTEN und Bücher ausgestellt auf der 43. Stuttgarter Antiquariatsmesse im Württembergischen Kunstverein, 23.-25.01.2004. Antiquariat Konrad Meuschel. Bad Honnef 2004, Nr. 11.
FRANZ IRSIGLER, Peter Rinck. In: Rheinische Lebensbilder. Bd. 6, Köln 1975, S. 55–69.
PETER H. MEURER, Fontes cartographici Orteliani, das Theatrum orbis terrarum von Abraham Ortelius und seine Kartenquellen. Zugl.: Berlin, Freie Univ., Diss. Weinheim 1991.
HERMANN HEINRICH ROTH, Stift, Pfarre und Kirche zum Hl. Severinus in Köln. Köln 1916.
MAX ROOSES, Christophe Plantin. Antwerpen 1883, S. 340-341 (Vrints).
WOLFGANG SCHMID, Stifter und Auftraggeber im spätmittelalterlichen Köln. Darin: Die Bibliothek Rinck. Köln 1994, S. 85–89.
WOLFGANG SCHMITZ, Die Kartäuser und das Buch. Anmerkungen zu den Consuetudines. In: Bibliothek und Wissenschaft 28 (1995) S. 95–110.
WOLFGANG SCHMITZ, Die Kölner Gymnasialbibliothek. In: Bildung stiften. Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds. Köln 2000, S. 84–93.
ILSE SCHUNKE, Der Kölner Rollen- und Platteneinband im 16. Jh. In: Beiträge zum Rollen- und Platteneinband im 16. Jahrhundert. Konrad Haebler zu 80. Geburtstag. Sammlung bibliothekswissenschaftlicher Arbeiten, Heft 46. Leipzig 1937, S. 346–347 und 395–397.
Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von ULRICH THIEME und FELIX BECKER, Bd. 34. Leipzig 1940, S. 580 (Vrints).
ALFRED VON WURZBACH, Niederländisches Künstler-Lexikon, Bd. 2. Wien und Leipzig 1910, S. 832 (Vrints).

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Letzte Änderung: 23.10.2008
Webredaktion